Was verbirgt sich hinter dem alten Brauch des "Patendankes"?
"Mein kindlich Herz treibt mich zu Ihnen" - Ein Postler rettet den alten Konfirmationsbrauch des "Patendanks"
Von epd-Redakteur Peter Reindl
Windsbach (epd). Gut, dass der Vorsitzende des Heimatvereins im mittelfränkischen Windsbach früher Briefträger war. Weil die Postuniform Karl Lechner (49) jede Tür öffnete, konnte er zum Retter eines evangelischen Volksbrauchs werden, von dem nur noch die Älteren etwas wussten. Wo immer der Postler hinkam, zwischen Einschreiben und Ansichtskarten brachte er stets seine Frage unter: "Habt ihr eigentlich noch einen Patendank?"
Die Zeit, in der die sauber gerahmten Dankesschreiben der Konfirmanden an ihre Paten einen prominenten Platz in der guten Stube hatten, war lange vorbei. Doch nun kramten die Leute aus finsteren Ecken und staubigen Winkeln die alten Briefe hervor. Gut 300 sind mittlerweile durch Lechners Hände gegangen. Wenn die Stadt Windsbach ein Heimatmuseum einrichtet, sollen die schönsten
Konfirmandenschreiben dort einen Ehrenplatz bekommen. Denn was lange als Kitsch galt, wird heute wieder als Dokument der Volksfrömmigkeit entdeckt. 1999 durfte Lechner seinen ältesten Patendank aus dem Jahr 1818 sogar in der Fernsehsendung "Kunst&Krempel" vorzeigen.
Etwa bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs galt es im ländlichen Franken als Anstandsvorschrift: Vor der Konfirmation kam der Patendank. Ordentlich gekämmt und frisch gewaschen machte sich der Konfirmand auf den Weg zum "Duud" (Pate) oder zur "Duudla" (Patin), dem fränkischen Idiom für den lateinischen "Tutor". Er musste Dank sagen für die Fürsorge während der Patenzeit. Den Spruch im Bilderrahmen hatte er, säuberlich handgeschrieben, mit bunten Bildern verziert, manchmal sogar drapiert mit Litzen in Silber und Gold.
Mit dem Überreichen war es nicht getan. Die Dankesworte mussten auswendig aufgesagt werden. Lange Texte, gewichtige Sätze, schwülstige Sprache: "Patendank herbeten" hieß das. Die Qual der Konfirmanden lässt sich nachfühlen bei Sätzen wie diesem: "Nun ist der Ehrentag erschienen, der mich zum Hause Gottes führt, mein kindlich Herz treibt mich zu Ihnen, zu danken, wie es sich gebührt." Zum Lohn gab es dampfendes Schmalzgebäck.
Bei ihrem Aufkommen zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Patendankbriefe noch echte Volkskunst. Sie hatten ihr unverwechselbares persönliches Gesicht, waren mit viel Liebe und noch mehr Zeitaufwand gemalt. Später wurden sie als Massenerzeugnis aus den Druckereien geliefert: Bunte Bilder mit vorgedruckten Floskeln. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs starb der Brauch aus. Die letzten Exemplare sind eine lieblose Pflichterfüllung, unbeholfen auf Schreibmaschinenpapier getippt.
Lechner will sich damit nicht abfinden. Er hält Patendank-Kurse für Konfirmanden, etwa 20 Jugendliche haben in den vergangenen Jahren mitgemacht. Auch zur diesjährigen Konfirmation werden rund um Windsbach wieder vereinzelt Patendank-Briefe geschrieben. Zum Verdruss traditionsbewusster Eltern hilft dabei zwar der Computer, aber Lechner sieht das locker. "Wir können doch froh sein, dass es überhaupt wieder geschieht", sagt er. Auf die liebevolle Gestaltung komme es an, ob mit Computer oder nicht.
Zeugnisse fränkischer Volksfrömmigkeit von der Wiege bis zur Bahre zeigt der Heimatverein Windsbach bei einer kleinen Ausstellung an vier Sonntagen im April und Mai. Der Schwerpunkt liegt auf dem Konfirmationsbrauch des Patendanks. Die Ausstellung im ehemaligen Rentamt in der Windsbacher Hauptstraße ist am 8. und 29. April sowie am 6. und 27. Mai jeweils zwischen 14 und 16 Uhr geöffnet. Sonderführungen sind nach Anmeldung beim Heimatvereins-Vorsitzenden Karl Lechner (Telefon 09871/1413) möglich.
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