Judentum und Homosexualität
Als das Judentum in seinen alttestamentlichen Gesetzestexten formulierte, nur innerhalb der Ehe seien sexuelle Aktivitäten erlaubt, veränderte es die Welt. So sehen es zumindest manche Theologen und Wissenschaftler. Neben dieser Forderung kam es auch zu einer Entsexualisierung von Gott: So schaffte dieser Himmel und Erde durch seine Willenskraft und nicht aufgrund sexueller Aktivität. (Vgl. Gen 1,1)
Für die damalige Zeit war das ein Novum, bedenkt man die sexuellen Handlungen von Göttern in anderen Zivilisationen. So verkehrte der ägyptische Gott Osiris mit seiner Schwester Isis und zeugte so den Gott Horus. In Kanaan hatte der oberste Gott El eine sexuelle Beziehung zu Aschera und auch im antiken Griechenland finden sich ähnliche Beispiele. Das Judentum beschränkte nun sexuelle Aktivitäten auf die eheliche Gemeinschaft und so verlor Sex seine dominierende Stellung innerhalb von Religion und Gesellschaft.
Betrachtet man das Altes Testament, findet man neben der grundlegenden Aussage in Gen 1,27f. dass Gott den Menschen als "Mann und Frau" schuf und ihnen den Auftrag gab fruchtbar zu sein und sich zu mehren, einige Stellen, die männliche Homosexualität eindeutig verurteilen.
Lev 18, 22: "Du sollst nicht bei einem Mann liegen, wie bei einer Frau; es ist ein Greuel." und Lev 20, 13: "Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Greuel ist, und sollten beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen."
Neben diesen Stellen im Alten Testament finden sich auch einige Beispiele innerhalb der Mischna und des Talmud, die sich gegen männliche Homosexualität aussprechen. So unterstreicht mSanhedrin 7, 4 die Androhung der Todesstrafe für sexuelle Handlungen zwischen Männern. Auch bSanhedrin 54 a bekräftigt diese Einstellung. An anderer Stelle, bKidduschin 82 a, wird kurzer Hand erklärt, dass es in Israel niemanden gibt, der gleichgeschlechtliche Praktiken betreibt.
Frei nach dem Motto: "Wer Jude ist, geht keinen homosexuellen Praktiken nach; wer diesen nachgeht, ist kein Jude."
Weibliche Homosexualität hingegen findet in der gesamten Bibel überhaupt keine Erwähnung. Der Talmud verwirft sie allerdings ebenso wie die männliche. Und ein rabbinischer Kommentar aus dem 2./3. Jhd. überträgt die biblischen Gebote von Lev 18 und 20 auch auf lesbische Praktiken (Sifra 9, 8).
Diese eindeutigen Aussagen erschweren das Leben homosexueller Juden und Jüdinnen. Denn der Tradition nach ist das Alte Testament verbindliches Gotteswort, ebenso wie die mündliche Lehre des Talmuds. Nach orthodoxer Auffassung leben somit homosexuelle Juden und Jüdinnen fortwährend in Sünde. Dabei unterscheiden orthodoxe Autoren allerdings immer gelebte Homosexualität und ihre "Veranlagung" dazu. Geht ein Jude seiner homosexuellen Empfindungen nicht nach, vielmehr noch, er versucht, sich deswegen behandeln zu lassen, dann sündigt er nicht. Andere zeitgenössische orthodoxe Autoren, die zwar auch Homosexualität als sündhaft ablehnen, nehmen ihr den "Greuel-Charakter" der Bibel und gliedern sie mit in den Sündenkatalog ein. Sie steht dann gleichwertig neben anderen Sünden, wie dem Bruch des Sabbatgebotes oder der Nichteinhaltung der Speisegesetze.
Dies ist insofern als Fortschritt zu betrachten, da eine solche Auffassung nicht zu einem grundsätzlichen Ausschluss homosexueller Juden und Jüdinnen aus der Gemeinde führt. Sie stehen unter dem Verdikt der Sünde, gehören aber weiterhin zur Gemeinde. Diese Unterscheidung praktizieren aber nur wenige orthodoxen Gemeinde, d.h. für schwule und lesbische Juden/Jüdinnen ist ein offenes Leben in diesen Gemeinden kaum möglich.
In den USA gibt es eine innerhalb des Judentums als konservativ geltende Gruppe, die sich nicht ganz einig ist in ihrem Umgang mit dieser Thematik. Grundsätzlich urteilen sie etwas milder über Homosexualität, raten aber ebenfalls zu sexueller Enthaltsamkeit. Andere Vertreter dieser Gruppe nennen diese Aufforderung an Schwule und Lesben "grausam".
Die "reformierte Linie" des Judentums geht etwas freier mit Homosexualität um: So verstehen diese Bibel und Tradition nicht als unveränderbar, sondern interpretieren die Texte vielmehr aus dem geschichtlichen Kontext heraus. Religiöse Traditionen und Überzeugungen müssen in Einklang mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen gebracht werden.
Argumente für einen anderen Umgang mit Homosexualität sowie weiterführende Literatur finden Sie in einem Aufsatz von Prof. Dr. Yaacov Ben-Chanan.
JACHAD: Jachad ist eine Jüdische Gruppe für schwule, lesbische und transsexuelle Juden und Jüdinnen.
Zurück
|