Ehrenamt und Wirtschaft - Corporate Volunteering
Ein normaler Arbeitstag irgendwo in den USA. Eine kleine Gruppe von Männern und Frauen renoviert den Aufenthaltsraum eines Wohnheims für Aidskranke, eine andere repariert den Spielplatz eines Kindergartens. Dabei sind keine Profis am Werk, sondern Büroangestellte, die sich gemeinsam für eine gemeinnützige Organisation engagieren. Sie tun das nicht während ihrer Freizeit, sondern während ihrer Arbeitszeit. Ihr Arbeitgeber unterstützt dieses Engagement und stellt seine Mitarbeiter dafür frei.
"Corporate Volunteering" gibt es in den USA bereits seit mehr als 50 Jahren. Die Unternehmen, die sich sogenannten "Corporate-Volunteering-Netzwerken" anschließen, genießen in der Gesellschaft ein hohes Ansehen, denn es wird von ihnen nicht nur erwartet, dass sie große Gewinne einfahren, sondern auch als gute Staatsbürger (corporate citizen) an der Lösung gesellschaftlicher Probleme teilhaben: So z.B. Time-Warner, der Herausgeber des Time Magazine, der seine Mitarbeiter für die Arbeit in einem Alphabetisierungsprogramm für Kinder freistellt. Charakteristisch für diese Freiwilligen-Programme ist, dass die Firmen neben zusätzlichen Spenden von Sachmitteln, in dieser Zeit das Gehalt des Mitarbeiter weiterzahlen. Nach einer Umfrage des Center for Corporate Community Relations (CCCR) am Boston College beteiligten sich letztes Jahr vier von fünf US-Firmen an diesen so genannten Volunteer-Programmen.
Diese Form von Freiwilligenarbeit steht in Europa noch am Anfang ihrer Entwicklung. Großbritannien, die Niederlande und die Schweiz versuchen schon seit Jahren entsprechende Programme zu etablieren. Während Unternehmen in Großbritannien und der Schweiz, ebenso wie in den USA, Mitarbeiter für einen bestimmten Zeitraum für Sozialarbeit freistellen, setzen die Firmen in den Niederlanden eher auf das klassische Sponsoring durch finanzielle Unterstützungen.
Auch die Deutschen gehen noch diesen Weg: So spendeten die im DAX geführten deutschen Großunternehmen, nach einer Untersuchung des Deutschen Spendeninstituts, im Jahr 1998 ca. 150 Millionen DM. Nicht zu vergessen sind dabei die vielen regionalen Hilfen und Spenden kleinere und mittlerer Unternehmen und die Förderung des Gemeinwohls über Steuern und Sozialabgaben in der Bundesrepublik. Man findet allerdings auch deutsche Unternehmen, die die Idee des Corporate Volunteering bereits verwirklicht haben: So haben z.B. 100 Mitarbeiter der Siemens-Unternehmensberatung im Rahmen der Initiative "Unternehmen Partner der Jugend" den Abenteuerspielplatz des Kreisjugendrings München umgebaut. Auch das Warenhaus Nike Town in Berlin schickt regelmäßig seine Mitarbeiter zum freiwilligen Einsatz, z.B. als Volleyballtrainer für russische Aussiedlerkinder.
Projekte wie der Transatlantische Ideenwettbewerb "USable" der Hamburger Körber-Stiftung oder das Weiterbildungsprogramm "Switch - die andere Seite" des Sozialreferates der Stadt München versuchen, diese Idee noch bekannter zu machen. USable sucht vorbildliche Ideen aus den USA zum Thema "Bürgerengagement in der Neuen Welt", die auch hier in Deutschland verwirklicht werden können. Seit Januar diesen Jahres läuft die neue Ausschreibung. Insgesamt stehen für Preise und Fördermittel 150.000 Euro zur Verfügung.
Switch hingegen fördert die konkrete Auseinandersetzung mit der sozialen Arbeits- und Lebenswelt. Führende Mitarbeiter können für eine Woche die Seiten wechseln. Sie arbeiten z.B. nicht mehr mit Hilfe ihrer Computer und ihrem reichen Schatz an Fachwissen, sondern beraten Drogenabhängige, verteilen Suppe an Obdachlose oder unternehmen Ausflüge mit Behinderten in den Zoo. Die freiwillig sozialen Helfer können auf diese Weise ihre Kompetenz im Umgang mit menschlichen Problemen weiterentwickeln, zudem lernen sie so die professionelle Seite von Sozialarbeit kennen. Und die sozialen Einrichtungen erhalten über diese besonderen ehrenamtlichen Mitarbeiter neue Anregungen und Impulse. Beide Seiten profitieren voneinander.
Ehrenamtliche Arbeit und Freiwilligendienste sollten demnach nicht nur einen moralischen Beweggrund haben, sondern können auch wirtschaftlichen Unternehmen zu Gute kommen. Amerikanische Studien bestätigen: Ehrenamtlich engagierte Mitarbeiter fehlen weniger, sind motivierter und stolz auf ihre Firma. Dies kann sich langfristig auch auf die Gewinnspanne auswirken.
|